Auch die Kultur hat ein Klassenproblem

Wie das Pilotprojekt Kultur in Berlin die Ungleichheiten in der Kultur offenbart.

Die Begeisterung in Berlin ist groß und es klingt ja auch zu schön. Endlich wieder Kultur. Endlich wieder live-Erlebnis. Endlich wieder sicher ins Konzert und ins Theater gehen. 

Was also könnte an dem Pilotprojekt Kultur des Berliner Senats falsch sein, das am Donnerstag mit einer Theatervorstellung im Berliner Ensemble begonnen hat und bis einschließlich 4. April mit Aufführungen in u.a. der Staatsoper, Deutschen Oper Berlin und der Volksbühne weiterlaufen wird? 

Für die Vorstellungen gibt es ein strenges Hygiene-Konzept, das zudem auch wissenschaftlich begleitet und anschließend ausgewertet wird. Neben Masken, Abstand halten und einem organisierten Einlass, erhält man außerdem zu der Veranstaltung nur Zugang mit einem negativen Antigen-Schnelltest, der am Tag der Vorstellung in einem der Berliner Testzentren erfolgt sein muss. 

Und bei den Berliner Philharmonikern hat man die Teststation mit entsprechendem Personal gleich ganz in die Philharmonie verlegt. Hier wird das Publikum direkt vor Ort getestet und man erhält nach kurzer Zeit das Ergebnis, so dass so mancher Journalist es schon wieder wagt, vom „deutschen Organisationstalent mitten in der Philharmonie“ zu schwärmen. 

Wo könnte sich also der Haken an der ganzen Sache verstecken? Und warum sollte man sich nicht einfach in den allgemeinen Enthusiasmus einreihen und so glücklich sein wie die Philharmoniker, für die das Konzert wie „zehnmal Weihnachten zusammen“ ist?

Nun ja, wie so vieles ist es auch hier eine Frage der Perspektive. Eine Frage, aus welcher Position man auf dieses Projekt blickt und welche Botschaft es vermittelt. Oder anders gesagt, was die Botschaft ist, die von den Medien ausgesendet und den Menschen verstanden wird. 

Wagt man es, sich das Ganze aus der Sicht der Freischaffenden Künstler, Ensembles oder Bands anzuschauen, bekommt man statt vor Begeisterung rasendem Herzschlag Krämpfe in der Darmregion. Vor allem, da man das Ergebnis der wissenschaftlichen Auswertung jetzt schon erahnen und also über die daraus resultierenden Konsequenzen für die Freischaffenden nachdenken kann.

Denn es wird keine Überraschungen geben. Man wird natürlich feststellen, dass der Theater- bzw. Konzertbesuch mit den vorgeschriebenen und bei diesem Pilotprojekt durchgeführten Hygienemaßnahmen (im Prinzip) sicher ist. Selbst die eine oder andere Infektion, die vielleicht doch gefunden wird, wird an diesem Resultat nichts ändern. 

Schon im letzten Jahr haben das vereinzelte Studien, wie z.B. jene an der Bayerischen Staatsoper durchgeführte, belegen können. Mit dem Zusatzschutz, der mit den Schnelltests einhergeht, wird das Infektionsrisiko während der Veranstaltung selbst - das sagt einem ja schon der gesunde Menschenverstand – natürlich noch einmal deutlich minimiert. 

Doch wie schon im Herbst reduziert sich die Frage, ob Kulturveranstaltungen sicher sind oder nicht, nicht allein auf das unmittelbare Erlebnis im Haus. 

Das Infektionsgeschehen lässt nicht auf dieses beschränken, da der Theaterbesuch ein gesellschaftliches Erlebnis ist, das sich auf vielen unterschiedlichen praktischen, psychischen und physischen Ebenen abspielt.

Wird geöffnet, verstehen das die Menschen als Zeichen für Entspannung. Die Vorsicht – was natürlich ist – geht automatisch zurück, die Frequenz des sozialen Austauschs steigt wieder und die Leichtigkeit, mit der man dem Alltag und allen seinen Versuchungen begegnet, nimmt wieder zu. 

Kurz, an der Situation vom Spätherbst 2020 hat sich - Stand heute - nichts geändert. Auch nicht durch ein paar Schnelltests, die vielleicht die Veranstaltung selbst sicherer machen. Das Grundproblem bleibt und wird sich nicht lösen lassen, solange es keine flächendeckenden Schnelltestkapazitäten für wirklich alle, eine damit einhergehende Strategie und ein vehementes Hochfahren der Impfungen geben wird. Erst das wird das Infektionsgeschehen nachhaltig drücken und ernsthafte Öffnungen, die sicher sind, erlauben.

Das Pilotprojekt Kultur vom Berliner Senat ist also nicht mehr als ein geschicktes Ablenkungsmanöver, kulturpolitischer Aktionismus, schlicht ein Placebo für einen kleinen Teil der Kulturbranche, das den „schmerzlichen“ Drang nach Kultur lindern soll. Der Zeitpunkt für diesen politischen Karneval könnte nicht unpassender sein, da gleichzeitig die an Schulen und teilweise Krankenhäuser weiterhin dringend benötigten Schnelltests (eine sinnvolle Strategie und das dafür notwendige Personal) noch mehr zur Mangelware werden.

All das betrifft den Erkenntnisgewinn, Sinn und Zeitpunkt einer solchen Aktion. Die Botschaft aber, die dieses Projekt jetzt schon aussendet und welche sich später mit den Ergebnissen noch verfestigen wird, ist für die Freischaffenden (Künstler) fatal und muss unabhängig davon betrachtet und kritisiert werden. 

Wie lautet also die Botschaft? So: der Theaterbesuch ist sicher, das Live-Konzert bietet keine (große) Infektionsgefahr. Die Kulturinstitutionen sollten wieder öffnen können. 

Die Gefahr dieser Botschaft besteht darin, dass man es bei dieser eindimensionalen Aussage - „Der Theater-, Konzertbesuch ist sicher“ - wahrscheinlich bewenden lassen wird. Keiner wurde angesteckt, wird es heißen, das Hygienekonzept hat geklappt, also Künstler: „Husch, husch, los geht`s!“ Und alle Künstler, die nicht gleich mitmachen, sind selbst schuld. Es ist ja wieder erlaubt, zu musizieren, zu schauspielern, zu tanzen...deshalb, nicht jammern, loslegen! 

Doch erlaubt, heißt nicht gleich möglich.

Die Erlaubnis wäre nämlich nur für einen sehr kleinen und ohnehin schon sehr privilegierten Teil der Kulturszene ein Grund zum Jubeln. Für eben jenen Teil, der jetzt an diesem Pilotprojekt teilnimmt und sich bereits seit Beginn der Pandemie in einer im Verhältnis zu den meisten Freischaffenden sehr komfortablen Situation befindet. 

Es geht um die großen vom Staat subventionierten Orchester, Chöre, Opern- und Theater-Ensembles (immer inkl. Intendanten) und die wenigen mit ihnen regelmäßig zusammenarbeitenden „Stars".

Für sie ist "das Auftreten vor Publikum" das einzige Problem, das sie beschäftigt. 

Und dieses haben sie mit Hilfe der Medien verstanden, zu einem Existenziellen aufzublähen. Zeitgleich plagen sich die Freischaffenden seit März 2020 mit zahlreichen wirklich existenziellen Problemen herum. Diese aber finden allgemein wenig Beachtung und stoßen auf geringes Interesse - sowohl bei den Medien als auch bei eben jenem privilegierten Teil der Kulturschaffenden.

Ich kann das in gewisser Weise nachvollziehen. Erstens wurden die stets am Existenzminimum darbenden Freischaffenden schon immer von den staatlichen Kultur-Großtankern ignoriert. Und wenn mal nicht, so beahndelte man sie gönnerhaft, bezahlte sie schlecht und stahl ihre Ideen, um sie dann wieder zu vergessen. Und zweitens ist es wirklich schwer, sich in die Lage der Freischaffenden einzufühlen, wenn man es sich selbst schon so lange in sicheren Verhältnissen bequem gemacht und sich an diese gewöhnt hat. 

Ein Orchester, Chor oder Ensemble-Mitglied muss sich keine Sorgen machen, ob am Ende des Monats die Miete bezahlt werden kann. Das Geld wird überwiesen, unabhängig davon, ob gespielt wird, nur geprobt wird oder gar nichts passiert. 

Ein Orchester, Chor oder Ensemble-Mitglied muss sich keine Sorgen machen, ob es Proberäume gibt und ob diese dann auch groß genug sein werden, um die Abstandsregeln einhalten zu können. Es gibt sie in ausreichender Menge und im Notfall benutzt man auch schon mal den hauseigenen Saal. 

Ein Orchester, Chor oder Ensemble-Mitglied muss sich keine Sorgen machen, ob es und woher es (Schnell-)tests bekommen wird und wie es sie bezahlen soll. Dafür hat man seinen Intendanten und das Budget für diese ist sowieso vorhanden.

Ein Orchester, Chor oder Ensemble-Mitglied stellt sich einfach nur die Frage, wann im Zuschauerraum endlich wieder Publikum sitzen wird. Darauf wird sich konzentriert und einzig gehofft, dass die Intendanten das pathetische Klagelied von der Bedeutung der Kultur für die Gesellschaft mit genügend Seufzern und Jammer-Glissandi in den Medien anzustimmen verstehen.

Kurz, für die kulturellen Groß-Institutionen bedeutet dieses Projekt des Berliner Senats deshalb einfach, mit dem letzten Schritt - jetzt kurz vor dem Ziel - endlich über die Linie zu kommen.

Wenn das gelingt, ist für die Freischaffenden nichts gewonnen. Was paradox klingt, lässt sich leicht erklären. Denn für sie wird der gleiche Kampf und Krampf wie im Sommer und Frühherbst 2020 einmal mehr beginnen.

Als an den großen Häusern die Mitarbeiter allesamt getestet wurden und in großen Räumen und mit angemessenen Abständen geprobt werden konnte, kam auf die Freischaffenden, die das Glück hatten, überhaupt noch Konzerte zu haben - und hier spreche ich aus eigener Erfahrung - das Riesenproblem der Proberaumsuche zu. 

Man musste nun unter extrem verschärften Umständen einen Raum zum Proben finden, der halbwegs groß genug sein würde, um Abstand halten zu können. Was schon in vor-pandemischen Zeiten nicht einfach war, wurde durch die Pandemie exponentiell verschärft. Die Suche nach Proberäumen wurde so zum zusätzlichen Dauerstress. 

Denn wer stellt seine Räumlichkeiten in solch heiklen Zeiten schon gerne zur Verfügung? Viel zu groß ist die Angst, dass es zu Infektionen kommen wird, für die am Ende jemand haften muss. Und so probt man größtenteils einfach draußen. Was im Sommer noch möglich ist, beendet dann die kalte Jahreszeit. 

Das (Schnell-)Testen war für Freischaffende wiederum gar keine Option - es bestand weder die Möglichkeit, an Tests zu gelangen, noch hätte es die finanziellen Mittel zum Erwerb derselben gegeben. Also war jede Probe ein Blindflug, ein medizinisches Experiment. Daran konnte auch der Umstand nichts ändern, dass der Auftritt, für den man probte, auf der Bühne einer großen staatlichen Institution stattfinden sollte.

Wenn sich die Tore der Kulturinstitutionen nach diesem Projekt also wieder öffnen sollten, müssen die Freischaffenden endlich gemeinsam, solidarisch ihre Stimmen gegen diese Ungerechtigkeiten und Ungleichgewichte in der Kulturbranche erheben. 

Die Freischaffenden müssen die Bedeutung ihrer phantastischen Kräfte für die Kulturlandschaft erkennen und endlich Druck aufbauen.

Es braucht nichts weniger als ein künstlerisches Frühlingserwachen, wenn es nach der Pandemie keine intellektuelle und kreative Wüste geben soll, in der sich nur noch die verrosteten Schrauben einiger weniger kultureller Großtanker, wenn auch zwecklos, so doch beharrlich in ewiger Monotonie weiterdrehen sollen.

Die Aktion Pilotprojekt Kultur in Berlin zeigt klar und deutlich: auch in der Kulturwelt hat die Pandemie die Schere der Ungleichheit zwischen groß und klein, zwischen reich und arm noch größer werden lassen. 

Oliver Reese, der Intendant des Berliner Ensemble, sagte im Deutschlandfunk mit jenem gewohnten Intendanten-Pathos am Donnerstag: "Die Leute brauchen Kultur, um durch diese Pandemie nicht nur physisch sicher, sondern auch seelisch, psychisch durchzukommen. Und dafür hilft ein gemeinsames Erleben von Kultur.“

Doch wenn diese Kultur nur noch von einigen wenigen Privilegierten ausgeführt werden kann, die fest im Sattel und nahe bei den Geldtöpfen sitzen, wird sie bald verkümmern und auch nur noch einige wenige überhaupt erreichen und interessieren. Lebendig, beständig und (system-) relevant bleibt die Kultur nur, wenn sie aus einem reichen Quell an vielfältigen Ideen zahlreicher, hingebungsvoller Künstler schöpfen kann, die nicht existenzieller Dauerstress, sondern Kreativität bestimmt. 

Das ist erst der Fall, wenn sich die Arbeitsbedingungen der Freischaffenden fundamental ändern. Auf längere Sicht muss es deshalb eine ernsthaft geführte grundsätzliche Diskussion über die Art der Beschäftigung von Freischaffenden geben, bei der wirklich alle Ideen bis zu einem existenzsichernden Grundeinkommen auf den Tisch kommen sollten, gerade auch weil viele (staatlich subventionierte) Häuser bald noch mehr allein auf etablierte, reiche Stars setzen werden statt auf (junge) Freischaffende. Diese, wie so viele andere erstarrte Konventionen müssen radikal reformiert werden. Beginnend bei den Bühnen der großen Institutionen, die evtl. häufiger Freischaffenden zur Verfügung stehen sollten, über eine völlig andere Verteilung der Etats bis zur gezielten Förderung einer dezentralisierten kulturellen Infrastruktur etc.

Für den Moment aber ist es das absolut Mindeste, dass den Freischaffenden in gleichem Umfang wie den staatlichen Institutionen (Schnell-)tests gratis zur Verfügung stehen, dass in alle Verträge ein Paragraph aufgenommen werden muss, der die Ausfallgage eindeutig und angemessen regelt, und dass corona-gerechte Proberäume entweder zur Verfügung gestellt werden oder aber die Erstattung der Kosten für eben solche gewährleistet ist. 

Und die Corona-Hilfen, die es bis in den Herbst nicht gab und die dann größtenteils entweder nicht ankamen oder bei weitem nicht genügen, müssen endlich helfen! 

Denn Hartz 4 und Freischaffend in der gegenwärtigen Auslegung von ersterem stoßen sich sowieso ab. Und außerdem sind die Freischaffenden - was ja schon fast zur Phrase geworden ist - arbeits-Nein! und nicht arbeits-los, arbeits-unfähig, arbeits-unwillig etc. 

Wir brauchen endlich eine gesunde Kultur, die von Kreativität und Phantasie und nicht vorauseilender Buckelmentalität und Existenzangst geprägt ist. Einen freien Markt der Ideen, an dem so viele wie möglich teilnehmen können und der nicht einigen wenigen Monopolisten vorbehalten ist. Denn eine von Monopolisten dominierte Kultur erstarrt, ist unbeweglich und langweilig. Keiner Durchhalteparole wird es dann gelingen, vom schwindenden Interesse an einer solchen noch abzulenken.

Nur eine Kultur der grenzenlosen Phantasie, die das Träumen und künstlerische Utopien wieder erlaubt, weil sie auch die (materiellen) Möglichkeiten dafür bietet, wird sich nicht für ihr Dasein rechtfertigen, noch um ihr Dasein fürchten müssen. Denn eine solche Kultur ist bestimmt – um mit Shelley zu sprechen – for the many, not the few.